In der Türkei eskalieren die dramatischen Entwicklungen im Bereich des Rechts und der Menschenrechte. Hat sich der Staat mit der Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen der jüngsten Vergangenheit bis heute nicht konfrontiert, kehrt er gleichsam in die 1990er Jahre zurück, an die man sich mit Furcht und Schmerz erinnert. Das Massaker, das am 10. Oktober 2015 in Ankara verübt und über 100 Menschen das Leben gekostet hat, ist ein letztes und tragisches Beispiel dafür, wie groß die Gefahr eines Bürgerkrieges ist.
Wie gefährlich die Situation ist, zeigt sich auch daran, mit welch autoritären Methoden das türkische Regime gegen den Vorsitzenden der Rechtsanwaltskammer von Diyarbakır, Tahir Elçi, vorgegangen ist. Dieser hatte am 14. Oktober in einer Podiumsdiskussion des Fernsehsenders CNN Türk erklärt, dass er die PKK nicht als terroristische Organisation ansehe, sondern als eine Bewegung, die mit ihrem umfangreichen basisdemokratischen Programm auf eine breite Unterstützung in der Bevölkerung stoße. Unmittelbar nach der Sendung begann in den regierungsnahen Medien eine verleumderische Hetzkampagne gegen den Rechtsanwalt, verbunden mit zahlreichen Morddrohungen.
Hatte die Staatsanwaltschaft Istanbul zunächst die Justiz in Diyarbakır aufgefordert, Elçi dort zu verhören, verlangte sie kurz danach, den Kammervorsitzenden nach Istanbul zu verbringen, was in der Nacht des 20. Oktober in Begleitung zahlreicher Sicherheitskräfte erfolgte. Noch während des Verhörs von Elçi kündigte Justizminister Kenan İpek die Eröffnung des Haftbefehls gegen ihn an. Der Ermittlungsrichter wiederum ließ den Juristen frei, belegte ihn aber mit einem Ausreiseverbot.
Am 26. Oktober erhob die Staatsanwaltschaft Istanbul-Bakırköy Anklage gegen den Vorsitzenden der Anwaltskammer Diyarbakır wegen „Propaganda für eine terroristische Organisation“ und fordert eine Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren.
Auch durch dieses Vorgehen wird deutlich, dass Menschen, die eine zur herrschenden Regierung konträre politische Meinung vertreten, keine Garantie haben für Sicherheit, Freiheit und Leben. Allen Andersdenkenden ist hier — erneut — ein entsprechendes Zeichen gegeben worden.
Zweifellos entwickelt sich die Türkei zu einem totalitären Regime. Vor dem Hintergrund dieser gefährlichen Entwicklung rufen wir insbesondere Jurist:innenvereinigungen, Anwaltskammern, Anwältinnen und Anwälte in Deutschland und Europa dazu auf, Stellung zu beziehen und ihren Protest gegenüber der türkischen Regierung und Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum Ausdruck zu bringen.
MAF-DAD e.V. (Verein für Demokratie und Internationales Recht), Köln
28. Oktober 2015
Dramatic developments in the field of law and human rights are escalating in Turkey. The state has to this day never confronted the task of investigating the human rights violations of the recent past, and it is now returning, as it were, to the 1990s — years remembered with fear and pain. The massacre committed in Ankara on 10 October 2015, which cost more than 100 people their lives, is the latest and most tragic example of how great the danger of civil war has become.
How dangerous the situation is can also be seen in the authoritarian methods the Turkish regime has used against the chair of the Diyarbakır Bar Association, Tahir Elçi. On 14 October, in a panel discussion on the television channel CNN Türk, he stated that he did not regard the PKK as a terrorist organisation but as a movement whose broad grassroots-democratic programme meets with wide support among the population. Immediately after the broadcast, a defamatory smear campaign against the lawyer began in pro-government media, accompanied by numerous death threats.
The Istanbul public prosecutor's office first asked the judiciary in Diyarbakır to question Elçi there, then shortly afterwards demanded that the bar chair be brought to Istanbul, which took place on the night of 20 October accompanied by numerous security forces. While Elçi was still being questioned, Justice Minister Kenan İpek announced that an arrest warrant against him would be issued. The investigating judge, however, released the lawyer, imposing a travel ban.
On 26 October the Istanbul-Bakırköy public prosecutor's office charged the chair of the Diyarbakır Bar Association with “propaganda for a terrorist organisation” and is seeking a prison sentence of seven and a half years.
This course of action too makes clear that people who hold political views contrary to the governing party have no guarantee of security, freedom or life. A signal to that effect has — once again — been given to all who think differently.
Turkey is without doubt developing into a totalitarian regime. Against the background of this dangerous development we call in particular on jurists' associations, bar associations and lawyers in Germany and Europe to take a stand and to express their protest to the Turkish government and President Recep Tayyip Erdoğan.
MAF-DAD e.V. (Association for Democracy and International Law), Cologne
28 October 2015